Die Texterin fernab vom Schreibtisch | Teil 1-5

Die Texterin fernab vom Schreibtisch | Teil 1-5

Die Muse auf und davon.

Teil 1 – Montagmorgen

Für alle, die schon immer einmal wissen wollten, was eine Texterin fernab vom Schreibtisch so macht …

a) ihre Muse suchen
b) mit Leine, aber ohne Hund durch den Park flitzen
c) fremde Leute mit Dankesbekundungen überschütten

Früh am Morgen, wenn nur einige Jogger und die üblichen Hundebesitzer unterwegs sind, ist es ruhig und friedlich im Park. Ich bereite mich gedanklich auf den Tag vor und schlendere so dahin. Der wohlerzogene Hund ist verliebt in den Tennisball und alles geht seinen Gang, wären da nicht die verlockenden Waldgerüche, Mäuselöcher und Grillüberreste. Schneller als man gucken kann, ist die Ruhe dahin. Hund weg, zuerst relativ relaxt, dann dezent genervt – und nach einer weiteren Stunde im Park ist man dann außer Atem und kurz vorm Nervenzusammenbruch. Ständiges Pendeln zwischen Wohnung und Park – denn der Hunde findet auch durchaus nach Hause, sofern ihm danach ist. Ständiges Wechseln der Fortbewegungsmethoden, Rad, zu Fuß, wieder Rad. Nach der dritten Runde – aus dem Augenwinkel, ein wohlbekannter weißer Fleck. Okay, sie hat sich wieder eingefunden. Als wäre nichts gewesen. Die Texterin kann nach der extra Sporteinheit am Morgen, etwas verspätet, aber glücklich darüber, die Muse in sicherer Umgebung zu wissen, auf Arbeit düsen.

 

Teil 2 – Dienstagabend

Abschalten. Neue Projekte im Kopf durchgehen. Den Tag Revue passieren lassen. Entspannen. Einträchtig joggen wir beide nebeneinander her. Das Tempo stimmt, die Route kennen wir beide. Perfekt. Während ich, mein Lauftempo haltend, weiter renne, stoppt der Hund, denn mal wieder liegt etwas Spannendes in der Luft. Eben noch im Augenwinkel dabei, jetzt schon wieder spurlos verschwunden. Routiniert wird der Weg nach Hause eingeschlagen, damit es mit dem Rad wieder zurück in den Park und wieder nach Hause gehen kann. Diesmal geht das Spiel 4 Mal so. Verzweifelt und erschöpft mache ich mich ein letztes Mal auf in den Park – dank Hinweis einer Dame, die mich fragte, ob ich „zufällig“ (Anmerkung: außer Atem und verzweifelt umherschauend renne ich über die Straßen – mit einer Leine in der Hand) und sie meinte, sie hätte sie eben gesehen. Wunderbar – im Parkt treffe sie tatsächlich. Vertrauensselig und tiefenentspannt trottet sie an der Seite zweier Damen in Sportsachen hinterher. Mittlerweile liebelvoll in „Maxl“ umbenannt, aber dessen völlig unberührt, wäre sie ihnen sicher gefolgt. Ihren Plan, nach Hause zu gehen, hatte sie vermutlich vergessen. Wieder mal glücklich über diesen Ausgang der Geschichte traben wir beide nach Hause.

 

Teil 3 – Donnerstagmorgen

Ach, wir gehen ja immer wieder vom Guten aus – und lassen die Leine auch heute wieder ab. Frische Morgenluft weht uns beiden um die Nase und wir sind guter Dinge. Doch die Runde im Park sollte schon am Tennisplatz ihr jähes Ende finden. Nach gemeinsamen 10 Minuten Weg entscheidet sich Ronja, die Abkürzung über den Tennisplatz zu nehmen – wie immer – auf der Suche nach einem neuen Ball. Sie läuft, ich sehe sie, sie läuft weiter – und weg ist sie. Wie vom Erdboden verschluckt ist meine Muse wieder nicht auffindbar. So langsam reicht es. Die Gemütsverfassungen wechseln innerhalb von Minuten zwischen frustriert, verzweifelt, wütend, hasserfüllt und traurig. Das Wechselspiel zwischen Heimatadresse und Park, zwischen Laufschritt und Drahtesel ist ja mittlerweile bekannt. Aus Minuten werden endlos lange Minuten und schließlich, eine Stunde später, der erste Hinweis. Der Hund wurde bereits vor 20 Minuten Richtung Heimat gesichtet. Wir haben uns also verpasst. Prima. Zurück. Dort angekommen, keine Spur. Weitere Hundebesitzer sprechen mich mitfühlend an, ob sie denn weggelaufen wäre. Da – ganz in der Ferne sehe ich meinen Hund. Das ist er doch, oder? Ja. An einer Leine. Ich flitze, was das Zeug hält und erwische sie gerade noch an einer fremden Haustür. Die Familie – ganz angetan von der zuckersüßen Art – wollte sie just in diesem Moment mit rauf nehmen. Fazit: Ronja wird senil. Sie stand vor einem völlig unbekannten Hauseingang und wollte rein. Eigentlich kennst sie den Weg nach Hause. Hund ist sicher verwahrt, bei MIR. Also ab ins Büro.

 

Teil 4 – Freitagabend

Wechselspiel zwischen Leine und vertrauensvollem Laufen ohne Leine. Die entspannte Atmosphäre des abendlichen Spazierganges ist mittlerweile dahin. Auch das flinke Checken der E-Mails auf dem Smartphone fällt aus. Mit Argus-Augen beobachte ich den Hund. Ein Moment ohne Leine, ein Duft steigt in die Nase – sie schlägt sich rücklings in die Büsche. Diesmal vorgewarnt und gleich hinterherhechtend, sehe ich gerade noch die Richtung. Doch dann – weg. Wie aus dem Nichts. Man fragt sich langsam, ob es im Park auch schwarze Löcher gibt. Nein, lautet die Antwort. Nur ein Paar, was sich mitten im hohen Gras, geschützt vor dem wilden Treiben im Park, ein gemütliches Picknickplätzchen gesucht hat. Das hohe Gras, das sich nach links und rechts bog, hat sie verraten. Es gab übrigens Fisch. Da kann man ja nicht nein sagen. Brennnesseln, Zecken, Mücken – wie im Urwald bahne ich mir meinen Weg und schnappe das weiße Bündel, aus dessen Maul ein Stück gerösteter Fisch lugt. Kurzer Smaltalk mit den Abgetauchten. Fabelhaft. Wir gehen Heim.

 

Teil 5 – Dienstagabend

Grand Finale. Ein lauer Sommerabend. Schwanzwedeln. Doch ich lasse mich nicht mehr täuschen. Bei der kleinsten Ungehorsamkeit wird die Leine gezückt und es geht zügig weiter. Natürlich geht der heiß geliebte Tennisball auf die Art auch gleich flöten. Leine ab. Gerade noch zurückgehalten, auf den Grillplatz zu zusprinten. Alles scheint gut. Moment. Da rennt sie schon wieder – natürlich an die Stelle, wo es den Abend zuvor Fisch gab. Ich durchkämme erneut das hohe Gras, doch der Hund ist weg. Eine Joggerin hilft mir sofort unaufgefordert suchen. Ich bin ja immer wieder angetan von so viel Mitgefühl. Auch ihr Hund kann nichts finden. Ich sehe meinen Feierabend schon wieder dahinschwinden – als plötzlich …ein Bellen. Das erkenne ich unter Tausenden. Ich renne los. Dem Bellen nach. Der halbe Park ist durchquert – da sehe ich sie. Angeleint an einem langen roten Schleifenband – befestigt am Fahrradständer. Ich sage nur drei Worte: Kindergeburtstag. Picknick. Pizza. Die Kinder und die Eltern haben Verständnis, hatte sie doch auch mal einen Hund. Ronja Räubertochter wird, begleitet von winkenden Kinderhänden und liebevollen Verabschiedungen, entlassen. Wir gehen Heim. Sehr langsam. Die Pizza liegt schwer im Magen.

 

 

 

 

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